Einfluss des Futters auf aggressives Verhalten von Hunden

Aggressives Verhalten von Hunden ist ein großes Problem – sowohl für den Besitzer selbst, als auch für die Umwelt des Hundes. Nicht selten fragt sich der Besitzer was er falsch gemacht hat, wenn der eigen Hund aggressiv ist. Selbstverständlich ist das Verhalten des Hundes immer auch mit einer individuellen Vorgeschichte verbunden. Doch unabhängig davon, was ein Hund in seinem Leben gelernt hat und was nicht: Verhalten wird durch Neurotransmitter (Botenstoffe des Gehirns) und Hormone reguliert [1].

Der Neurotransmitter Serotonin

Bei aggressivem Verhalten spielen verschiedene Neurotransmitter eine wichtige Rolle. Besonders wichtig für die Modulation aggressiven Verhaltens ist dabei das Serotonin-System [2]. Serotonin wirkt in vielfacher Weise regulierend auf Emotionen und auf das Verhalten von Hunden. Es dämpft Aggression [3], Impulsivität und Angst, wirkt ausgleichend auf die Stimmung und reguliert den Schlaf-Wach-Rhythmus.

Wirkung von Serotonin auf aggressives Verhalten von Hunden

Verschiedene Studien zeigen, dass aggressive Hunde eine deutlich niedrige Serotonin-Konzentration im Blutserum haben, als nicht-aggressive Hunde [4], [5]. Besonders niedrig ist die Konzentration von Serotonin im Serum von Hunden, die sich defensiv aggressiv gegenüber fremden Menschen verhalten [5]. Demzufolge ergibt sich die Frage, ob die Konzentration von  Serotonin beeinflusst werden kann, um aggressives Verhalten von Hunden zu reduzieren. Um dies herauszufinden, ist es wichtig die Bildung des Botenstoffes Serotonin zu verstehen.

Die Bildung von Serotonin

Der Hund nimmt vor allem über die tierischen Bestandteile eines Futters große Mengen an Protein auf und diese bestehen aus verschiedenen Aminosäuren. Eine dieser Aminosäuren ist Tryptophan. Tryptophan gelangt nach der Futteraufnahme über den Blutkreislauf ins Gehirn. Dort wird aus Tryptophan der Botenstoff Serotonin gebildet.

Fazit: Ist im Gehirn viel Tryptophan vorhanden, dann kann auch viel Serotonin gebildet werden.

Für Experten: 
Das mit dem Futter aufgenommene Tryptophan wird zunächst von der Tryptophan-Hydroxylase zu 5-Hydroxytroptophan (5-HTP) hydroxyliert. Dieses Zwischenprodukt wird anschließend durch die Aromatischen-L-Aminosäure-Decarboxylase (AAAD) zu Serotonin (5-HT) decarboxyliert [6]. Die Konzentration von Serotonin im Gehirn erhöht sich somit parallel zur Konzentration von Tryptophan im Gehirn [7]. Neben dem Vorhandensein von Tryptophan und Serotonin tragen auch andere Faktoren wie z.B. die Serotonin-Rezeptor-Subtypen zur Ausprägung von Aggression bei [2]. Doch auch wenn die Aktivität des Serotonin-Systems nicht alleinig für das aggressive Verhalten verantwortlich ist, kann das Verhalten durch eine Veränderung der Verfügbarkeit von Neurotransmitter-Vorstufen beeinflusst werden [1].

Einfluss des Futters auf die Bildung von Serotonin

Das mit der Nahrung aufgenommene Tryptophan hat als Vorstufe von Serotonin einen Einfluss auf das Auftreten von Aggression [1]. Untersuchungen an Ratten haben jedoch gezeigt, dass die Konzentration von Tryptophan im Gehirn nicht nur von der Tryptophankonzentration im Plasma abhängt, sondern dass auch andere neutrale Aminosäuren im Plasma eine wichtige Rolle spielen [8]. Die Frage ist also, ob und wie aggressives Verhalten von Hunden durch die Fütterung beeinflusst werden kann.

Proteinreiches Futter mit wenigen Kohlenhydraten

Erhält der Hund ein proteinreiches Futter, nimmt er nicht nur viel Tryptophan sondern auch sehr viele andere Aminosäuren auf. Da nun sehr viele Aminosäuren im Blutplasma vorhanden sind, konkurrieren sie mit Tryptophan um den Transport ins Gehirn. Dies führt dazu, dass sich der Transport von Tryptophan ins Gehirn verringert [9].

Fazit: Eine proteinreiche Mahlzeit führt zu einem Abfall von Tryptophan im Gehirn [8]. Somit wirkt sich eine proteinreichen Fütterung potentiell verstärkend auf aggressives Verhalten von Hunden aus.

Proteinarmes Futter mit vielen Kohlenhydraten

Eine kohlenhydratreiche Mahlzeit reduziert im Plasma die Menge der Aminosäuren, die mit Tryptophan um den Transport ins Gehirn konkurrieren [9], [8]. Infolgedessen steigt gleichzeitig nach einer kohlenhydratreichen Fütterung die Konzentration von Tryptophan im Gehirn deutlich an [8]. Dies mag verwunderlich erscheinen, doch die Vorgänge im Körper sind komplex.

Für Experten: 
Eine kohlenhydratreiche und proteinarme Mahlzeit regt die Bildung von Insulin an [9]. Insulin führt dazu, dass bestimmte Aminosäuren in die Muskulatur und in andere Gewebe aufgenommen werden [6]. Da diese Aminosäuren nun also nicht mehr mit Tryptophan um den Transport ins Gehirn konkurrieren, gelangt mehr Tryptophan durch die Blut-Hirn-Schranke wodurch die Konzentration von Tryptophan im Gehirn steigt [9].

Fazit: Eine eine eiweißarme Mahlzeit fördert die Konzentration von Tryptophan im Plasma [9] und im Gehirn [8]. Somit wirkt eine proteinarme Fütterung potentiell reduzierend auf aggressives Verhalten von Hunden.

Studien zum Einfluss des Futters auf aggressives Verhalten von Hunden

In wie fern sich die Fütterung nun auf aggressives Verhalten von Hunden auswirkt, wurde bisher nur in wenige Studien untersucht. Dr. Rogen Mugford untersuchte 1978 in einer Studie 7 aggressive Golden Retrievern. Es zeigte sich, dass die Häufigkeit der Aggression sofort stark sank, nachdem die Tiere mit einer proteinarmen Diät (15-18% Rohprotein je MJ) gefüttert wurden.

Die Ergebnisse einer prospektiven Cross-over Studie an Hunden deutet außerdem darauf hin, dass eine eiweißarme Fütterung in Kombination mit einer Supplementierung von Tryptophan speziell bei territorial aggressiven Hunden sinnvoll ist [10].

Auch eine Studie von DeNapoli [11] zeigte, dass sich die territoriale Aggression der untersuchten Hunden deutlich reduzierte, als die Tiere statt proteinreicher Fütterung (32% Rp in der TS) eine Diät mit niedrigem (17% Rp in der TS) bzw. mittleren (25% Rp in der TS) Proteingehalt erhielt. Es zeigte sich außerdem, dass dieser diätische Effekt besonders bei angsbedingt territorialer Aggression ausgeprägt war [11]. Insgesamt schien eine zusätzliche Supplementierung von Tryptophan zu einer proteinarmen Fütterung hilfreich zu sein, um territoriale Aggression zu reduzieren [10].

Gibt es eine Empfehlung

Während meiner Arbeit in eigener Praxis für Tierverhaltenstherapie konnte ich den positiven Effekt eines proteinarmen Futters bei verhaltensauffälligen Hunden beobachten. Daher empfehle ich für Hunde mit Verhaltensproblemen, speziell bei Aggression, ein Trockenfutter mit einer deklarierten Proteinmenge von maximal 24%. In besonders schweren Fällen würde ich nach Möglichkeit sogar ein Futter wählen, das maximal 18% Rohprotein enthält.

Quellen:
[1] Bosch, G.; Beerda, B.; Hendriks, W. H.; Poel van der, A. F. B. and Verstegen, M. W. A. (2007). Impact of nutrition on canine behaviour: current status and possible mechanisms., Nutr Res Rev 20 : 180-194.
[2] Olivier, B. and van Oorschot, R. (2005). 5-HT1B receptors and aggression: a review., Eur J Pharmacol 526 : 207-217.
[3] Nelson, R. J. and Chiavegatto, S. (2001). Molecular basis of aggression., Trends Neurosci 24 : 713-719.
[4] Cakiroglu, D.; Meral, Y.; Sancak, A. A. and Cifti, G. (2007). Relationship between the serum concentrations of serotonin and lipids and aggression in dogs., Vet Rec 161 : 59-61.
[5] Rosado, B.; García-Belenguer, S.; León, M.; Chacón, G.; Villegas, A. and Palacio, J. (2010). Blood concentrations of serotonin, cortisol and dehydroepiandrosterone in aggressive dogs, Appl Anim Behav Sci 123 : 124-130.
[6] Wurtman, R. J. and Fernstrom, J. D. (1975). Control of brain monoamine synthesis by diet and plasma amino acids, Am J Clin Nutr 28 : 638-647.
[7] Fernstrom, J. D. and Wurtman, R. J. (1971). Brain serotonin content: increase following ingestion of carbohydrate diet., Science 174 : 1023-1025.
[8] Fernstrom, J. D.; Larin, F. and Wurtman, R. J. (1973). Correlation between brain tryptophan and plasma neutral amino acid levels following food consumption in rats, Life Scie 13 : 517-524.
[9] Yokogoshi, H. and Wurtman, R. J. (1986). Meal composition plasma amino acid ratios: effect of various proteins or carbohydrates, and of various protein concentrations, Metabolism 35 : 837-842.
[10] DeNapoli, J. S.; Dodman, N. H.; Shuster, L.; Rand, W. M. and Gross, K. L. (2000). Effect of dietary protein content and tryptophan supplementation on dominance aggression, territorial aggression, and hyperactivity in dogs., J Am Vet Med Assoc 217 : 504-508.
[11] Dodman, N. H.; Reisner, I.; Shuster, L.; Rand, W.; Luescher, U. A.; Robinson, I. and Houpt, K. A. (1996). Effect of dietary protein content on behavior in dogs., J Am Vet Med Assoc 208 : 376-379.